Eigenwillige Zeit

Vor einigen Jahren bekam ich von meiner Familie eine Uhr geschenkt, ich hatte sie in einem Schaufenster gesehen und sie mir dann in dem Geschäft angeschaut. Mir war immer wichtig, dass eine Uhr eine Alarmfunktion hat, so dass ich sie gleichzeitig als Wecker nutzen kann. Diese Uhr hatte keine Alarmfunktion, aber weil sie mir so gut gefiel, war mir das dann egal. Dafür verfügt sie über verschiedene Stopp-Funktionen. Diese Funktionen brauche ich allerdings, wie sich herausstellte, selten. Eigentlich nie.

So ist das eben mit vielen Features unserer modernen Geräte. Wir können damit angeben. Brauchen tun wir sie oft nicht. Es beruhigt manchmal auch, zu wissen, dass bestimmte Fähigkeiten unserer Geräte im Notfall zur Verfügung stehen. Wie z.B. die in ein Wegwerf-Feuerzeug integrierte LED-Leuchte. Oder die daumengroße Taschenlampe mit handaufziehbarem Dynamo. Die überall eingebaute Digitalkamera fällt uns ja inzwischen gar nicht mehr besonders auf. Wir verdrängen die Problematik der Pflege der vielen tausend Fotos, die unsortiert auf Datenträgern darauf harren, betrachtet zu werden. Aus Zeitgründen.

Obwohl meine Uhr über keine integrierte Digitalkamera verfügt, fand ich es an der Zeit, nachdem die Uhr einige Jahre in der Schublade lag, sie wieder zu tragen. Nach einigen Tagen bemerkte ich, dass sie täglich zwei bis drei Minuten nachging. Das verblüffte mich, denn da es eine elektronische Uhr ist, fragte ich mich, welche Ursache diese Ungenauigkeit haben könnte.

Als erste Maßnahme tauschte ich die Batterie  gegen eine neue aus. Die Uhr ging immer noch nach. So stellte ich sie täglich um den ungenauen Wert vor.

Eines Tages kam ich dem Fehler auf die Spur. Als ich im Garten saß und über das Problem nachdachte, sah ich plötzlich, wie der Sekundenzeiger unvermittelt eine Sekunde zurückwanderte. Die Uhr lief rückwärts! Als sei nichts gewesen, lief der Sekundenzeiger dann ganz normal weiter. Einige Minuten später das gleiche Spiel. Ich war sprachlos! Wie konnte das möglich sein?

Nach einiger Überlegung hatte ich die Erklärung. Die Technik schien zu beginnen, sich selbständig zu machen. Einfach eigene Funktionen zu entwickeln. Und zwar solche, die völlig an der Realität vorbeigehen. Die keine Hilfe, sondern Verwirrung bringen. Die zu unnötigen Gedankengängen und Vermutungen animieren.

Das Spiel machte ich noch eine Zeit lang mit. Irgendwann vergaß ich, die Uhr täglich vorzustellen. Nach vielen Monaten fiel mir auf, dass die Uhr die Zeit korrekt anzeigte, obwohl ich sie nicht mehr nachgestellt hatte.

Sie hatte aufgehört mit ihrem seltsamen Spiel. Warum nur? Wieder war ich verblüfft. Da ich sie lange Zeit nicht mehr beachtet hatte, war es ihr wohl langweilig geworden, mich zu foppen.

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