Der blaue Waggon

Auf einer Bahnfahrt sah ich einen kurzen Moment aus dem Fenster, während der Zug rasend schnell dahineilte und mir war, als hätte ich einen blauen Waggon auf einem Nebengleis gesehen. Es war nur ein kurzer Augenblick, aber ich habe mir das Bild trotzdem genau eingeprägt, denn mir war sofort klar, dass mir dieser Waggon etwas zu sagen hatte.

Es schien mir zunächst seltsam, einen alten Waggon – denn er war alt – auf einem Nebengleis vorzufinden. So wie er mir erschien, sollte er längst verschrottet worden sein. Aber er stand da, obwohl er sicher nicht mehr zu gebrauchen war.

Ein Nebengleis. Dort stand der blaue Waggon, still, verlassen, verfallend. Wahrscheinlich wurde die parallele Bahnstrecke nicht mehr genutzt. Sonst wäre der Waggon ein Hindernis gewesen.

Mir drängte sich der Vergleich mit Wegstrecken meines Lebens auf. Es war wie ein Blick in eine andere Welt. Während mein Zug zielstrebig seinem Ziel entgegen raste, schien der blaue Waggon in der Vergangenheit gefangen zu sein.

In dem blauen Waggon hatten Menschen gesessen. Menschen, die genauso unterwegs waren, wie ich, aber von einem unbekannten Schicksal ereilt wurden. Etwas passierte, das sie am Weiterkommen hinderte und an diesen Ort bannte. Es gab scheinbar keine Möglichkeit für sie, diesem Schicksal zu entgehen. Es gab keine Hilfe. Offensichtlich saßen sie zur falschen Zeit im falschen Waggon.

Aus einem mir unbekannten Grund kümmerte sich niemand um sie. Keiner schien Anteil zu nehmen oder Überlegungen anzustellen, wie diese gestrandeten Passagiere des blauen Waggons aus ihrer misslichen Lage befreit werden könnten.
Im Vorbeifahren hatte ich gesehen, dass die Außenfarbe des blauen Waggons schon stellenweise abgeblättert war und einige Scheiben kaputt waren. Der Waggon schien schon lange dort zu stehen.

So sehr ich auch über eine Lösung nachdachte, es wurde mir klar, dass es nicht möglich war, das eingefahrene Gleis meiner Bahnstrecke zu verlassen oder den Zugführer zu überreden, das Ziel zu ändern, um den Menschen im blauen Waggon zu Hilfe zu kommen.

Die Wegstrecke war vorgegeben und das Nebengleis für mich unerreichbar.

© Kornelius R. Böcher

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