Begegnungen I

Es gibt Begegnungen, die scheinbar zufällig stattfinden und doch einen tieferen Sinn haben. Dieser offenbart sich oft erst viel später.
Manche davon scheinen regelrechte Fügungen zu sein und eine davon, die sich vor vielen Jahren abgespielt hat, ist geradezu unglaublich.

Das Radfahren lernte ich relativ spät, erst mit etwa 12 Jahren, diese effektive Art der Fortbewegung wurde mir dann jedoch zu einer der liebsten Beschäftigungen und ich verbrachte in den Jahren danach endlose Stunden im Fahrradsattel. Den Weg zur Schule durch die hügelige Taunuslandschaft betrachtete ich als Trainingsstrecke für größere Touren und nicht selten verfolgte ich knatternde Mopeds – auch bergauf.

Zusammen mit Freunden nutzte ich besonders die wenigen verlängerten Wochenenden, die sich durch Feiertage plus Brückentage ergeben und bei diesen Gelegenheiten erkundeten wir Rhein und Mosel und hangelten uns dabei am Jugendherbergsnetz entlang. Natürlich wurde dabei auch der eine oder andere gute Tropfen nicht verschmäht.

Während einer Tagestour Richtung Rhein überkam uns grässlicher Durst, unsere Wasservorräte waren restlos aufgebraucht.
Wir befanden uns in einem kleinen Ort, etwa 40 km von Zuhause entfernt, einem Ort, den wir nie zuvor gesehen hatten. Wir hielten am nächstbesten Haus, einem Gehöft, und klingelten an der Haustür. Die Tür ging auf und eine Frau, wohl die Hausherrin, fragte uns nach unserem Begehr. Wir grüßten zurück und fragten nach etwas Wasser. Natürlich sollten wir sofort unsere leeren Flaschen auffüllen. Wir haben es immer so erlebt, dass die Leute gerne bereit waren, uns zu helfen.

Die Gutsherrin fragt uns nach unserem Woher und Wohin. Wir kommen ins Gespräch. Als wir das Dorf nennen, woher wir kommen, es heißt Hunoldstal, spitzt sie die Ohren. Normalerweise nennen wir ab einer gewissen Entfernung die Kreisstadt, weil das Dorf Hunoldstal sowieso niemand kennt. Diesmal ist es anders. Die Frau sagt zu unserem Erstaunen, dass hinten in ihrem Haus in der „Stube“ ein alter Mann sitzt, der in seiner Kindheit in Hunoldstal gelebt hat. Und, noch mehr: sie will unsere Namen wissen. Bei Nennung meines Namens ruft sie aus, dass der Wilhelm, der hinten in der Stube sitzt, in genau dieser Familie gelebt hat. Er war durch den Krieg Waise geworden und meine Großeltern hatten ihn bei uns zu Hause aufgenommen. Wir sind völlig perplex, müssen den alten Mann in der Stube begrüßen. Er weiß Geschichten über meinen Vater, die das bisher über sein Leben erfahrene bestätigen und weiteres, was mich nachdenklich macht und lange noch beschäftigen sollte. Er berichtet über diese längst vergangenen Zeiten und freut sich, dass wir ihn hier gefunden haben. Obwohl wir ihn nicht gesucht haben.

© Kornelius R. Böcher

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