War auf der anderen Seite

Schwups. Bin auf der anderen Seite. Muss mich noch an den Rhythmus gewöhnen. Tock… tock… tock. Alles geht langsamer. Schwups. Die Krankenakte ist mir wieder entwischt und schlittert über den Warteraumboden. Zum Glück bin ich allein. Wenn ich die Klarsichthülle nicht mit der Krücke erreiche, krieche ich eben hin und hole sie zurück.

Denke über Krücken nach. Krücken müssen nicht unbedingt Gehhilfen sein. Es sind Tools, die uns helfen, wenn normale Funktionen eingeschränkt sind oder versagen. Ist lästig und mühsam. Aber mit ein wenig Übung kann man damit einbeinig richtig schnell laufen.
In der Welt der Krücken begegnen mir lauter freundliche Menschen. Man hält mir die Tür auf. Autofahrer signalisieren mir per Lichthupe, dass ich doch bitte die Straße überqueren soll und warten geduldig, bis ich die andere Seite erreicht habe. Sie nicken mir bei jedem Schritt freundlich zu.

Der Opa mit dem Rollator, der mich dabei beobachtet hat, nickt auch verständnisvoll, so, als würden wir uns seit Urzeiten kennen. Der Ganove, der mich überfallen und ausrauben wollte, disponiert um und wünscht mir gute Besserung. Überhaupt, alle wünschen mir gute Besserung, auch der langhaarige Türke an der Kasse, der wissen wollte, ob ich einen Unfall gehabt hätte und ich ihm als Antwort das Foto mit den Hämatomen zeige. Immer die gleiche Reaktion: Die Augenbrauen gehen hoch, die Augen weiten sich und der Betrachter wünscht mir sofort gute Besserung. Bilder sagen mehr, als tausend Worte.

Weil unter anderem sogar Räuber, Ganoven und sonstige Freibeuter der modernen Zivilisation plötzlich von mir ablassen, mir die Tür aufhalten und mir gute Besserung wünschen, überlege ich, ob sich die meisten Probleme der Menschheit nicht lösen ließen, wenn alle Menschen, oder zumindest die Hälfte der Menschheit, mit Krücken umherhumpeln würde. Es würde vieles besser werden. Wenn auch der Gewöhnungseffekt irgendwann wirksam würde und das ganz wäre wieder zunichte. Auch würden manche sicher entdecken, dass man eine Krücke als Hieb- und Stichwaffe einsetzen kann. Agenten verbergen in der Spitze von Krücken ja gerne Stich- oder Schusseinrichtungen oder zumindest eine Antenne. Zudem könnte eine Spitze mit Botulinum Toxin präpariert sein, wovon ein Gramm genügt, um eine Million Menschen zu töten. Der Agent sticht sein Opfer dann scheinbar versehentlich im Vorbeigehen und der Betroffene merkt zunächst nicht, wie ernst die Sache ist.

Schon nach diesen ersten Überlegungen merke ich, wie heikel es werden könnte, wenn jeder Mensch, oder auch nur die Hälfte der Menschheit, Krücken hätte. Also verwerfe ich den Gedanken wieder und freue mich über den alten Mann mit dem Rollator, der mir wissend zunickt, als wir aneinander vorbeigehen. Vielleicht hat er diese Gedanken auch schon durchgespielt. Er lebt ja schon länger auf der anderen Seite. Wo die Menschen viel freundlicher sind und sich gegenseitig unter allen Umständen die Tür aufhalten, auch wenn sie selbst kaum laufen können.
Halte mit einer meiner Krücken den Straßenverkehr auf, damit er in aller Ruhe die Straße überqueren kann.

© Kornelius R. Böcher 04-25-2013

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