Der Karton

Auf dieser Welt gibt es Menschen, die kein Bett besitzen, sondern nur Pappe als Unterlage haben oder zum Zudecken. Ein Beispiel habe ich in den neunziger Jahren in einer algerischen Großstadt fotografiert.

Nach einer aktuellen Studie, die gerade bei Spiegel Online nachzulesen ist, besitzt 1% der Menschheit 50% des Reichtums dieser Welt. Im Oktober 2011 wurde die 7 Milliarden-Marke der Weltbevölkerung geknackt, aktuell sind es etwa 7,2 Milliarden. 72 Millionen davon teilen sich also die Hälfte des globalen Kuchens, 6480 Millionen müssen sich die andere Hälfte teilen.
Im Grunde ist es nicht erstaunlich, das es so viel Gewalt auf der Erde gibt, sondern vor diesem Hintergrund ist es eher nicht ganz nachzuvollziehen, warum es nicht noch viel mehr Konflikte gibt.

Liegt es an der Leidensfähigkeit der Benachteiligten? An deren Resignation? An dem soliden Abschottungsverhalten der Reichen und ihren Sicherungsstrategien?

In einer sehr eindrücklichen Videodokumentation im Rahmen eines Projekts für eine Masterarbeit an der Universität Kassel wird die soziale Situation vieler Jugendlicher und Kinder in La Paz in Bolivien gezeigt. Die Kinder werden dort häufig bereits im Alter von sieben oder acht Jahren von den völlig überforderten Eltern auf die Straße gesetzt, weil diese z.B. wegen einer Suchtproblematik nicht mehr für sie sorgen können. Die Kinder müssen sich unter schwer vorstellbaren Bedingungen selbst durchschlagen und arbeiten gehen.

Ein Bericht über einen 8-jährigen Jungen ist besonders beklemmend. Er schließt sich einer der Gangs an, die ihr Domizil unter einer Brücke bezogen hat. Er muss das tun, denn alleine ist das Überleben in einem derartigen Moloch eher unwahrscheinlich. Weil er den Preis für einen Karton zum Übernachten nicht bezahlen kann, wird er vom Clanführer als Gegenleistung sexuell missbraucht.

Die soziale Hilfe in La Paz, die von Ärzten, Pflegekräften und freiwilligen Helfern ohne Entgelt geleistet wird, ist für viele die einzige Möglichkeit, einem völlig kaputten und perspektivlosen Vegetieren zu entkommen. Die Helfer leisten Großartiges und müssen dabei auch immer wieder persönliche Risiken in Kauf nehmen. Zudem ist diese Arbeit aufgrund eines Spendenrückgangs gefährdet. Wer hilft diesen Menschen, wenn solche Dienste eingestellt werden müssen?

Bisher wusste ich nicht, dass es Menschen gibt, die nicht nur keinen Karton zum Übernachten bezahlen können, sondern auch noch in unmenschlicher Weise dafür bestraft werden.

© Kornelius R. Böcher 01-27-2014

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