Der Meister und sein Fahrrad

Heute, auf dem Weg zur Kantine, gehe ich in der Stadt an einem Fahrrad vorbei. Es fällt mir auf, weil es ziemlich alt aussieht und weil auf dem Gepäckträger ein schmales, aber fast zu langes Brett mit Spanngurten sehr originell befestigt ist. Ich kann nicht anders, ich muss es fotografieren.

Nach dem Essen nehme ich das Fahrrad nochmals und mehrfach auf und setze meinen Weg fort, zurück zur Firma.
Vor dem mächtigen Portal unseres Firmengebäudes telefoniere ich noch einige Minuten mit meiner Frau und bin gerade im Begriff, die Tür zu öffnen.

Plötzlich nähert sich ein Mann mit einer Schildmütze auf einem Fahrrad. Ich schlucke. Es ist die von mir emsig fotografierte Antiquität. Mir graut es leicht. Sicher entreißt er mir gleich wutschnaubend mein iPhone, um die Löschung der Fotos zu verlangen.

Doch nichts dergleichen, stattdessen fragt er mich: „Sind Sie der Geschäftsführer dieser Firma?“
„Auch wenn ich so aussehe – nein!“
Er fragt mich, was wir so machen und ob wir eine Stelle für ihn haben. Ich frage, was er denn so könne? Er sei Musiker, lässt er wissen. Kontrabass.
Ok, das ist enorm, entgegne ich, aber der Transport eines derart unbescheiden großen Instruments ist umständlich. Warum keine Blockflöte?
Eine Flöte habe er gerade auf einem Flohmarkt erstanden. Aus Kunststoff jedoch, das sei besser. Holz arbeitet. Und verzieht sich. Er könne inzwischen schon ein paar kleine Lieder flöten, das lerne man schnell.

Gut, sage ich, erwähne nebenbei die Instrumente, die ich beherrsche und gebe ihm meine Karte. Er soll auf unserer Webseite nachschauen, welche Stelle ihm zusagt und sich wieder melden.
Eine kaufmännische Ausbildung habe er auch, meint er noch. Aber als Musiker zu arbeiten, sei schwer. Nur befristete Stellen. Die festen Stellen würden nur frei nach dem Ableben altgedienter Musiker und dann rückten junge Musiker nach, frisch ausgebildet. Begnadete zumeist. Die Probezeiten seien lang. Und wer dann bei den Begnadeten bleiben dürfe, darüber stimmt das komplette Orchester ab.

Er holt jetzt seine Familie vom Saarland nach Kassel und möchte hier arbeiten.

Ich überlege.
Wenn ich der Geschäftsführer wäre, würde ich ihn einstellen.
Aber nicht mit der Blockflöte. Neben seiner Haupttätigkeit würde ich ihn vertraglich verpflichten, jeden Mittag in den verschiedenen Etagen Kontrabass zu spielen.
Obwohl, wenn ich so überlege: eigentlich gerne auch zwischendurch ein Flötenstück, wenn er denn fleißig auf seiner Kunststoffflöte geübt hat.

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© Kornelius R. Böcher 2014-05-07

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