Der Schirmräuber

Morgens komme ich auf dem Weg zum Büro an einer bemerkenswerten Installation vorbei. Ein am Boden liegendes, festgekettetes Fahrrad. Daneben lehnt ein Schirm an einem Baum. Vergessen? Verloren? Weggeworfen? Das weiß man in der Stadt oft nicht. Wenn es nicht regnet, läuft man mit einem Schirm auch nicht herum, das wirkt lächerlich. Vielleicht ist das der Grund, dass er hier am Baum lehnt.

Mittags fängt es zur Kantinenzeit heftig zu regnen an. Gretchen bietet mir ihren Schirm an, was ich dankend ablehne. Bin doch nicht aus Zucker. Nach einer Minute auf dem Weg zur Kantine im Regen sind Schuhe und Hosenbeine durchnässt und ich auf dem Rückweg zum Büro. Dort angekommen bitte ich Gretchen etwas kleinlaut, mir doch ihren Schirm zu leihen.
Immer noch ziemlich durchnässt und watend erreiche ich die Kantine und deponiere den Schirm aufgespannt in der Garderobe.
Später, an der Kasse, fragt ein Mann vor mir nach Leihschirmen. Kappe. Rotes T-Shirt. Die Kassiererin verneint. Der Mann bezahlt einen Marsriegel und geht. Mir ist sofort klar: der nimmt jetzt Gretchens Schirm mit, der aufgespannt im Foyer auf ihn wartet! Das wird sein Leihschirm sein!
Schnell bezahle ich mein Essen, stelle das Tablett auf einen Tisch und gehe sehr unauffällig und nicht zu hastig zurück zur Garderobe.
Der Schirm ist weg! Gretchens Schirm ist weg und der Mann mit Kappe und Marsriegel ist auch verschwunden!
Wie zufällig gehe ich sofort nach draußen und schaue nach rechts und links. Nichts!
Dann erst sehe ich bei den Umstehenden am Eingang den Mann mit der Kappe. rotes Hemd. Einen Arm hält er etwas verdeckt. So gehe ich sehr langsam und unauffällig um ihn herum und inspiziere ihn genau. Kein Schirm!
Frage die Umstehenden, ob jemand mit einem gesprenkelten Schirm gerade die Kantine verlassen hat. Ein junger Mann deutet nach links. Dort sehe ich eine Frau mit einem gesprenkelten Schirm. Gretchens Schirm!
Finde mich sofort im Dauerlauf wieder. Der Schirmdiebin hinterher. Sie verschwindet um die nächste Ecke. Als ich dort ankomme, ist sie weg.
Plötzlich entdecke ich sie, an einer Haltestelle! Gehe auf sie zu und frage sie, ob ihr sehr schön gesprenkelter Schirm eventuell meiner sein könnte. Sie entgegnet ohne die Spur einer Gemütsregung, ja oh, das könnte wohl sein, obwohl ihrer fast genauso aussehen würde.
Auf meine Frage, ob ihrer denn auch in der Garderobe abgestellt sei, antwortet sie nichts.
Ich freue mich später sehr, dass ich der Schirmräuberin den Schirm wieder abjagen konnte. Wie hätte ich Gretchen sonst den Verlust erklären sollen? Sie hätte mir das doch kaum geglaubt, diese Räubergeschichte.
Finde es sehr interessant, Schirme in der Stadt zu beobachten. Sie werden vergessen, einfach abgestellt, auf Bürgersteigen entsorgt, sicher auch bisweilen über Schädel gezogen, zerstört und – von Schirmräubern gestohlen! Die Welt muss sehr abenteuerlich für Schirme sein. Und dass gesprenkelte so begehrt sind, hätte ich nicht gedacht.
© Kornelius R. Böcher 2014-08-04

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2 Gedanken zu “Der Schirmräuber

  1. Pingback: Der Schirmräuber | boedoc

  2. Haha Sehr coole Story Korni! Sowas erlebt man ja auch nicht jeden Tag. Manche Leute haben einfach keinen Anstand und vorallem kein Gewissen mehr. Am Besten man stattet seinen Schirm mit einem Fingerabdruckscanner und Alarmanlage aus. Wenn ich meinen guten Automatikschirm mal irgendwo stehen lasse, werde ich mich sicherlich an deine Geschichte erinnern. 😉

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