Die Treppe

Der alte Mann stand vor der Treppe, die er als Kind unzählige Male hoch gestiegen war. Sie war recht steil, die Stufen sehr hoch, besonders für Kinder. Manchmal musste er als Kind die Stufen schnell hochspringen, weil der große schwarze Hund wieder da war. Sobald sein riesiger Kopf um die Hausecke lugte, wusste er, dass es wieder Zeit war, die Beine in die Hand zu nehmen.
Die Treppe war seine Rettung gewesen und er konnte nicht mehr genau sagen, wie oft er dem Hund so entwischen konnte. Der Hund war ihm nie die Treppe hinauf gefolgt. Deswegen nahm der Mann, als er noch ein Junge war, sogar manchmal den Umweg über die Treppe, auch wenn er einen kürzeren Weg durch das Dorf hätte nehmen können.

Auch als er dann später das Dorf verließ und nur noch selten zurückkehrte, konnte er die Angst vor dem schwarzen Hund nicht völlig ablegen. Das Gefühl, einem derart riesigen Tier hilflos ausgeliefert zu sein, hatte sich in sein jungenhaftes Gehirn eingebrannt und ließ ihn auch als Mann nicht in Ruhe.
Immer wieder begegnete dieser ihm in Alpträumen. Einmal war ihm das furchterregende Gebiss des Hundes so nahe gekommen, dass er dachte, das sei es nun gewesen und ganz sicher würde er jetzt gefressen werden. Aber dann wachte er plötzlich auf und freute sich, dass es nur ein Traum gewesen war.

Doch jetzt schien alles anders zu sein. Der alte Mann stand vor der Treppe, deren Stufen ihm plötzlich riesig und unüberwindbar vorkamen. Und plötzlich lugte der riesige Kopf des schwarzen Hundes um die Hausecke und der alte Mann wusste instinktiv, dass er die Stufen nicht mehr schaffen würde.
Der Hund sprang hervor und dabei erschien er dem Mann noch größer zu sein, als er ihn in Erinnerung hatte. Er bemerkte die Leine, die den Hund bremsen würde, wie er hoffte. Doch er hatte sich geirrt. Die Leine war lang genug und kurz darauf stand der Hund neben ihm, riesig. Sein Kopf war direkt neben seinem Kopf.

Doch als er sich zu dem Hund umdrehte, sah er etwas merkwürdiges: der Kopf des Hundes war plötzlich winzig klein, im Vergleich zu seinem Körper, fast so klein wie der Kopf einer Katze. Und er schien gar nicht böse zu sein und weit davon entfernt, ihn fressen zu wollen. Der alte Mann verstand das nicht. Er hatte plötzlich den Impuls, dem Hund über den Kopf zu streichen, was er auch tat. Und es passierte – nichts! Der Hund ließ sich streicheln und der alte Mann – wurde wach. Er hatte geträumt, aber es war im Traum, als wäre es Realität gewesen.

Der Mann wusste, das es kaum einen Unterschied machte, ob er dem Hund in der Realität begegnete oder im Traum. Es war in beiden Fällen eine Prüfung seiner Furchtlosigkeit und der Art und Weise, wie er die Dinge sehen würde. Wie oft war sein Blick voller Angst gewesen. Wie oft hatte er sich ausgemalt, wie dieses furchterregende Wesen ihn einfach verspeisen würde. Wieviel Energie hatte ihn das gekostet. Und jetzt war er alt und es war zu spät, die Lektionen noch zu lernen, meinte er.
Und doch – der Traum hatte ihm etwas gezeigt. Dieser Hund war wie ein brüllender Löwe, der den Menschen Angst einjagt und sie einschüchtert. Der sie zu Dingen treibt, die sie normalerweise nicht tun würden. Der sie Umwege gehen lässt, um ihre Ziele zu erreichen. Manchmal gelingt ihm das leider. Doch oft genug nicht – und das ist dann wie im Traum des alten Mannes: der Irrtum wird entlarvt und die Gefahr stellt sich als nicht so schlimm heraus, wie befürchtet.

Der alte Mann erinnert sich an seinen Sonntagsschullehrer, der ihm einst ein Wort von Jesus selbst gesagt hatte: In der Welt habt ihr Angst, aber seid getrost, ICH habe die Welt überwunden. Nur zu gerne würde der alte Mann mit dieser Hoffnung und dem Traum im Gepäck seine Reise nochmal antreten. Und auch die Treppe hochsteigen, die ihm jetzt so unüberwindbar scheint. Doch nicht mehr aus Angst vor dem großen schwarzen Hund.

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© Kornelius R. Böcher 2015-03-17

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