Sie kriegen auch DICH!

  Gerade bin ich auf einem mittelalterlichen Markt unterwegs. Überall Gaukler, in Leder gekleidete Harfenisten, sündhaft teure selbstgemachte Schuhe und eine Atmosphäre, als sei damals alles besser gewesen, nur weil die Menschheit mehr Naturprodukte aß und alles selber machte. Dabei war diese Zeit dunkel und gefahrvoll. Die Leute sind an Kleinigkeiten gestorben und längst nicht so alt geworden wie wir. 

Doch ist es heute besser? Driften wir nicht gerade zurück ins Mittelalter? Längst überwunden geglaubte Dinge scheinen die Welt einzuholen. Religionskriege, Halsabschneidereien, ausufernde Angriffe aus dem Mikrokosmos. Um nur einiges zu nennen. 

Mit diesen Gedanken noch beschäftigt, hätte ich ihn fast nicht bemerkt. Er trägt einen schwarzen, sicher sehr teuren Mantel, eine dunkle Brille, eine unauffällige, graue Kappe und ist mit einer Kamera bewaffnet, mit der er versucht, ungefragt Fotos von mir zu machen. Den Wert des Mantels taxiere ich aufgrund der hochwertig gearbeiteten verdeckten Knopfleiste auf mindestens 500 Dollar. Seine Mine verrät nichts Gutes, sein Blick gibt mir zu verstehen, dass nichts und niemand ihn von seinem Plan wird abhalten können. Es ist für mich keine Frage, dass die Fotos mit schlafwandlerischer Sicherheit ihren Weg zu Facebook finden werden und damit bin ich überhaupt nicht einverstanden. Das kann ich im Moment überhaupt nicht gebrauchen. So versuche ich, ihm zu entkommen. 

Leider werde ich durch zwei unangenehme Faktoren bei meinem Fluchtversuch gebremst. Mein linker Fuß schmerzt. Je schneller ich laufe, desto mehr fällt auf, dass ich leicht hinke. Mein rechter Schuh quietscht bei jedem Schritt. Ich nehme eine Nebengasse. Vor mir sehe ich eine beleibte Dame, die ihren Dackel Gassi führt. Als ich quietschend näher komme, bleibt der Dackel stehen und dreht sich nach mir um. „Lass den Mann, der hat’s eilig“, sagt Frauchen zum Dackel und ich hoffe inständig, dass er mich vorbei lässt. Mit geschlossenen Augen schaffe ich es und wage kaum, mich umzudrehen. Wenn der Dackel mich nicht verfolgt, dann sicher der Agent. 

Die Möglichkeit, dass die Beleibte, der Dackel und der Agent mich gemeinsam verfolgen könnten, treibt mich zu größerer Eile an. Grauenvoll. Wie wenn der Dackel doch noch etwas von mir will? Wenn er mich einfach nur mal beißen will?! Das wird Frauchen ihm sicher nicht abschlagen, wie ich die Beziehung im Vorbeieilen eingeschätzt habe. Blankes Entsetzen packt mich. 

Gaukler, zweckentfremdete Katzendärme und die versehentlich auf mich gerichtete Armbrust im mittelalterlichen Menschengewusel sind vergessen. Auch der Agent interessiert mich nicht mehr. Ich will nur noch dem Dackel entkommen, samt der Beleibten. 

© Kornelius R. Böcher 2015-10-12

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