Wir müssen uns unbedingt wieder unterhalten!

Immer wieder bin ich erstaunt und manchmal auch entsetzt darüber, wie schnell die Zeit vergeht… Wann habe ich den letzten Blog geschrieben? Es muss lange her sein. Meine privaten und beruflichen Verpflichtungen erlauben mir diesen Luxus nur selten, aber heute sei es wieder soweit!

Ich sitze nach dem Besuch eines Schiffsrestaurators, der mit viel Zeit und Geduld die alten Hölzer seines Schiffs streicht, mit einem gehörigen Schnupfen vor dem Bildschirm und denke darüber nach, wie die Technik uns während der vergangenen Jahre geprägt, verändert, ja geradezu umprogrammiert hat. Als Vater muss ich immer wieder darüber nachdenken, wie viel Digitales für unsere Kinder noch vertretbar ist. Und nötig. Ich gehöre nicht zu denen, die gedankenlos zuschauen, wie unsere Spezies zu Spielern mutiert, die immer weniger darüber nachdenken, wie sie sich in einer zerfallenden Welt nützlich machen können. In der Weihnachtszeit lohnt auch wieder die Besinnung auf einen Gott, dessen Geschöpfe wir sind und der uns mit Aufgaben betraut hat – und immer wieder betrauen möchte. Für mich ist es besorgniserregend, wenn die halbe Menschheit stattdessen in digitalen Welten verbringt und immer mehr das Interesse an den wirklich wichtigen Dingen zu verlieren scheint.
Die MIT-Professorin Sherry Turkle ist bereits seit vielen Jahren bekannt für Ihre Untersuchungen, Bücher und Vorträge, die sich mit dem modernen Technikverhalten des Menschen beschäftigen. Sie plädiert dafür, dass wir uns wieder mehr unterhalten und echte zwischenmenschliche Beziehungen pflegen, anstatt dies über Netzwerke zu tun. Eine der Schlussfolgerungen, die sie aus vielen Studien gezogen hat, ist die Aussage, dass wir durch die digitale Technik und besonders die mobilen Geräte, allen voran das Smartphone, verändert werden und in Wahrheit trotz der vielen virtuellen Kontakte immer mehr vereinsamen. Im Grunde sitzen wir einem Selbstbetrug auf, so ihre These.
Als eine der möglichen und empfehlenswerten Gegenmaßnahmen empfiehlt sie in einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung Anfang 2016, „heilige Orte“ einzurichten, an denen wir das Smartphone bewusst nicht benutzen. Das können bestimmte Orte Zuhause sein, z.B. die Küche und das Esszimmer oder das Auto. Dies sei besonders für Kinder wichtig, denn diese müssten eine sinnvolle und für die eigene Entwicklung wichtige Art der Kommunikation erst noch lernen. An dieser Stelle seien paradoxerweise die Eltern, die eigentlich einen Erziehungsauftrag haben, das eigentliche Problem. Denn diese nutzten das Smartphone bei jeder Gelegenheit, statt mehr mit ihren Kindern zu kommunizieren. Sie sagt: „Ja, wenn Ihre Mutter früher beim Abwaschen war, hatten Sie auch nicht ihre volle Aufmerksamkeit, aber Sie wussten, Sie würden sie jederzeit bekommen, wenn es nötig war. Kinder spüren, dass das Smartphone mit seinen ständig einlaufenden Nachrichten eine Macht über Menschen hat, mit der sie es nicht aufnehmen können. Es gibt dieses „unbeteiligte Mutter- oder Vater-Gesicht“. Wenn Kinder das sehen, werden sie erst unruhig und laut, dann irgendwann depressiv.“
Es braucht schon einen festen Willen, aus dem bereits tief in moderne Verhaltensweisen eingebrannten Muster der Techniknutzung auszusteigen und es wird auch nur zum Teil möglich sein. So weit wie Steve Jobs und andere Größen der digitalen Szene, die ihren eigenen Kindern die Geräte, die sie selbst entwickelt haben, nur sehr begrenzt erlaubten, möchte ich nicht gehen. Aber die Tatsache, dass es so war und dass Steve Jobs zum Beispiel den entsprechenden Weitblick hatte, die kommenden negativen Anteile dieser Technologien vorauszusehen, finde ich bemerkenswert.

Tipp
Viele Vorträge von Sherry Turkle sind bei TED Talks abrufbar, eine Webseite, die die besten Vorträge der entsprechenden jährlichen Konferenzen in Montery (Kalifornien) mit Untertiteln in 100 Sprachen online stellt. Auf dieser Webseite können interessierte Nutzer bei der Registrierung ein persönliches Profil anhand ihrer Interessen anlegen und erhalten dann per E-Mail Vorschläge für passende Vorträge – mit sprachlich angepassten Untertiteln. Außerdem werden die Vorträge auch als Text unter dem Video in der entsprechenden Sprache angezeigt und können so für Zitate einfach entnommen werden.

3 Gedanken zu “Wir müssen uns unbedingt wieder unterhalten!

  1. Stimmt – da ist was dran. Ich hab als Rentner ungewollt zuviel Zeit. Aus Mangel an Menschen um mich habe wie früher in jungen Jahren habe ich mich dran gewöhnt, den ganzen Tag immer wieder nach mails, Fratzenbook, instagram nachzusehen. Das ist oft schon Suchtverhalten, wenn man sich einen clip nach dem Anderen reinzieht.
    Und jeder kann auf der Straße sehen, daß sogar Erstkläßler auf dem Schulweg, Jugendliche, Radfahrer, Autofahrer ständig mit dem Pfoti schlafwandeln.
    Ich denke oft drüber nach, wie man davon mal fasten kann ohne wichtige Termine zu verpassen…
    Denn seit Iphone nutze ich auch keine Armbanduhr oder Wecker mehr. Und das Telefon brauche ich schon.

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