Meine Begegnung mit Osama

Neulich im Schwimmbad: mein Sohn und ich werfen uns wie gewohnt im Kinderbecken einen Ball zu und sind ganz konzentriert bei der Sache, als plötzlich eine dunkelhaarige Kleine zwischen uns schwimmt und mitspielen will. Sie muss ein Flüchtlingskind sein, dem Aussehen nach und weil eine weibliche Begleitperson dabei ist, die nicht wie ihre Mutter aussieht. Ich werfe ihr den Ball zu und sie macht alles mögliche damit, bevor sie ihn dann etwas widerwillig zurückwirft, nach Aufforderung ihrer Betreuerin. So geht das eine Weile, wobei sie immer, wenn ich den Ball zurückerhalte nach dem üblichen Prozedere, sie ihn unbedingt sofort wieder zurückhaben möchte. 

Ich mache das Spiel eine Weile mit, aber weil ich merke, dass mein Sohn die nötige Geduld nicht aufbringt, schließe ich sie nach einer Weile aus unserem erlauchten Kreis aus. Immerhin muss ich mich auch noch ein wenig um mein eigenes Kind kümmern. Nach einer Weile des trauten Ballspiels unter Männern höre ich plötzlich einen Ruf aus Richtung der Betreuerin: „Osama! …. Ossssaaama!!“ Ich kann gar nicht so schnell untertauchen, wie ich möchte, es geht zu schnell. Mir fallen die Zwillingstürme ein und wie schnell die dann eingestürzt sind. Ich habe zwar nur ein dunkelhäutiges Kind aus unserer Ballrunde ausgeschlossen, aber wer weiß, was Osama nun von mir hält und ob ich jetzt auf seiner Racheliste stehe?! 

Ich beschließe, mit meinem Sohn nun unter dem Vorwand, eine Runde im großen Becken zu schwimmen, aus dem Kinderbecken zu verschwinden. Ich wende mich nach rechts – und erschrecke. Ein Dunkelhaariger treibt in Rückenlage langsam auf mich zu. Grausame Bilder von orientalischen Rächergestalten kommen mir in den Sinn, es schaudert mich. Sicher hat er ein sehr scharfes Messer zwischen den Zähnen. Doch nach genauerem Hinsehen bin ich erleichtert. Es ist ein Junge, kaum älter als mein Sohn. Warum er Osama genannt wurde, kann ich nur vermuten, gefährlich sieht er jedenfalls nicht aus. 

Eine Weile spiele ich mit dem Gedanken, ihn zu fragen, woher er kommt und ob er wirklich Osama heißt. Immerhin kann es sein, dass ich mich verhört habe. Dann hätte ich mir die ganzen Überlegungen und die Fantasien mit den orientalischen Rächern sparen können. 

Die Zeit läuft ab!

Heute, beim Frühstück, ist es mir mit spezialisiertem Spezialwerkzeug und einer speziellen Spezialbeleuchtung gelungen, in das Innere einer speziellen Uhr vorzudringen und die Funktion zu filmen. Seit ich wieder im Maschinenbau tätig bin, faszinieren mich Maschinen wieder und besonders auch die Mechanik. Diese ist besonders bei Uhren faszinierend und um das für die Nachwelt zu dokumentieren, habe ich mich des bereits erwähnten Spezialwerkzeugs bemächtigt und bin zur Tat geschritten. Denn die wenigsten kennen heute noch solche Uhren, weil alles digital geworden ist und das ist im Prinzip nicht schlecht, aber manches davon finde ich einfach nur kalt und leblos. Wie anders eine mechanische Uhr. Eigentlich wollte ich eine Fassung posten mit Gospelmusik im Hintergrund, aber bevor wieder irgendjemand herumjammert wegen Copyright und so verwende ich eine Fassung ohne Musik. Wenn Du genau hinschaust, siehst Du die Unruhe neben der Feder und auch den Zeiger, der vorbeiwandert. So läuft unsere Zeit ab… Wenn wir uns erinnern, dass in der Bibel steht, dass unsere Zeit in Gottes Händen steht, können wir darüber nachdenken, was wir mit unserer Zeit tun. Wir können sie sinnvoll nutzen und auch verschwenden. Da gibt es doch dieses Buch, in dem Sterbende interviewt werden darüber, was sie am meisten bereuen. Bei den Antworten spielt auch die Nutzung der Zeit eine Rolle, was wir damit gemacht haben, wie wir sie eingesetzt haben. Mich fasziniert die Technik, aber beim Anschauen des Videos habe ich gemerkt, dass es noch eine tiefere Aussage des Videos gibt, nämlich dass Du beim Anschauen merkst, wie unentrinnbar Deine Zeit abläuft. Nutze sie!

© Kornelius R. Böcher 2016-10-08

Kostenlos über die Humber Bridge: UK 2016

Mit der Transalp 600 V (Bj. 1990) quer durch UK

IMG_4239 - Kopie

Man kann Abenteuer nicht planen, sie begegnen uns oder auch nicht und nicht jeder mag überhaupt welche erleben. Wir suchen kein Abenteuer, jedenfalls nicht bewusst, als wir am 16. Juli 2016 Richtung UK aufbrechen, um das Land per Motorrad zu durchqueren und schließlich Schottland zu erreichen. Die längste Strecke, die wir mit der Honda Transalp 600 V Baujahr 1990 bisher gemeinsam gefahren sind, beläuft sich auf 50 km. Wir haben jedoch immerhin eine ganze Woche Zeit. Wir haben keine Route abgesteckt, geschweige denn gemessen, wie viel Kilometer es überhaupt bis Schottland sind. Morgens am Abreisetag buchen wir beim Frühstück noch schnell die Fähre, die uns von Newcastle aufs Festland nach Amsterdam zurückbringen wird. Das mag chaotisch und improvisiert aussehen – und ist es auch! Wir planen nicht so viel, auch in anderen Lebensbereichen, sondern handeln aus der Situation heraus, wir sind das gewohnt und das macht solche Unternehmen wie auch das ganze Leben von selbst abenteuerlich. Von daher brauchen wir keine organisierte Extremtour zu buchen, die viel mehr Geld kosten würde (unsere Tour war allerdings auch nicht gerade preiswert). Wir freuen uns besonders auf die Rückfahrt mit der Fähre, weil wir noch nie über Nacht mit einem Schiff gefahren sind. Der folgende Bericht ist nach Tagen unterteilt und zeigt in den Überschriften jeweils das Tagesziel: Ort, Land oder Landesteil, Unterkunft und Tachostand bei Ankunft am Tagesziel.

DSCF5543 - KopieFoto: Ein Bewunderer unserer Transalp in Whitby

[16.7.2016] NAMUR | Belgien | Eco Hotel
Tachostand: 500

IMG_4188Tagesziel: Namur; mit Panzerband den Verfall aufhalten

Von Belgien sehen wir nicht viel, weil wir möglichst viele Kilometer hinter uns bringen wollen, denn wir planen, morgen spätestens am frühen Nachmittag die Fähre nach Dover zu erreichen. Da wir nicht wissen, wie sich das Wetter, die Straßenverhältnisse oder auch unvorhersehbare Faktoren morgen darstellen werden, fahren wir bis Namur, die Stadt befindet sich südöstlich von Brüssel und hat immerhin über 100.000 Einwohner. Auf der Autobahn um Liège (Lüttich) herum konnte ich nur knapp einer kompletten Auspuffanlage ausweichen, die dort in voller Länge quer auf der Autobahn lag… Das hätte böse enden können. Auch die langgezogenen Schlaglochkrater sind erwähnenswert, besser, man weicht ihnen aus, ich habe davon abgesehen, zu testen, ob die Enduroreifen diese langen, handbreiten Rinnen im Teer verkraften. Abenteuerlich so etwas, wir dachten bisher, so etwas sieht man nur im Osten oder in Afrika. Auf einem Parkplatz sehen wir dann auch, was passiert, wenn man solche Hindernisse zu spät sieht oder derart ausweichen muss, dass man die Leitplanke streift.

IMG_4193Foto: Oder ist das die Folge einer Schießerei?

Wir sind dann auch froh, abends noch ein Hotel zu finden. Wir haben vorher noch getankt, an einem Automaten, den uns eine Belgierin erklärt und dann in einem Thai-Restaurant nach einer Übernachtungsmöglichkeit gefragt. Die Information über das Eco Hotel bekomme ich dann jedoch gegenüber in einer Pizzeria in Französisch und merke, dass ich das fast besser verstehe, als die vorigen Erklärungen in dem Thai-Restaurant in Englisch. Wir finden das Hotel auch recht schnell. Wir haben noch nie in einem Eco Hotel übernachtet und sind gespannt.

Wir erfahren schnell, was Eco bedeutet: Dusche und Toilette nur auf dem Gang. Das Wasser in der Dusche läuft nur, wenn man den Knopf in der Dusche dauerhaft gedrückt hält. Tipp: mit dem Körper gegen den Knopf drücken, damit man die Hände frei hat. Die Stärke des Wasserstrahls ist sehr begrenzt. Zimmer und Schrank sind nur so groß, wie nötig. Das Frühstück ist bescheiden und es gibt kein Porzellangeschirr – nur Plastiktabletts. Aber wir sind froh, zu dieser Tageszeit überhaupt noch etwas gefunden zu haben. Es gibt dann morgens zum Frühstück immerhin Porridge von St. Mamet, das ist eine Art Apfelkompott.

[17.7.2016] DYMCHURCH | SOUTH EAST | Dr. Syn Guest House
Tachostand: 800

DSCF5376Tagesziel: Straßenansicht in Dymchurch

Nach dem Frühstück brechen wir auf Richtung Fähre, wobei wir noch nicht entschieden haben, ob wir von Dünkirchen in Belgien oder in Calais in Frankreich übersetzen wollen. Wir fahren über Mons und Tournai, die Orte kenne ich noch von meiner Fahrradtour 1980. Sehr bald werden auch Dunkerque und Calais angezeigt, wir nehmen die E42. Auch Paris wird nach Namur bald angezeigt, wir kommen im Verlauf der Strecke bis unter 200 km an Paris heran.

Wir biegen zu früh ab in Dünkirchen, das wir als Übersetzpunkt ausgewählt haben. Wir landen nach einiger Suche am Strand und fragen dort nach dem Weg. Wir müssen zurück zur Autobahn und sehen auch bald die Schilder „Car Ferry“. Wir buchen die Fähre um 16 Uhr und erreichen Dover um 18 Uhr.

DSCF5333Foto: Festgezurrt im Bauch der Fähre

DSCF5364Foto: Ankunft in Dover

Wir meinen aufgrund der vorgerückten Uhrzeit, dass es nicht sinnvoll ist, noch weiter zu fahren und halten in Dymchurch an, um ein Zimmer zu suchen. Wieder fragen wir in einem Restaurant und ich gehe von dort zu Fuß, um in der Unterkunft zu fragen. Wir entscheiden uns für das Dr. Syn Guest House und wundern uns über die Darstellung einer Totengestalt auf dem Schild des Hauses, diese Motiv begegnet uns dann noch öfter in dem Ort. Wir können nicht genau ermitteln, was es damit auf sich hat.

Wir gehen abends noch ins „Tandoori Hut“ und essen sehr leckeres indisches Essen und trinken den einen oder anderen Wein. Bin dann froh, noch gerade aus dem Restaurant gehen zu können nach dem Wein, die leichte Unpässlichkeit ist aber nach einem kleinen Umweg über den Strand wieder verflogen.

IMG_4204Foto: Die ganze Palette vom Inder – sehr lecker!

[18.7.2016] SALISBURY | SOUTH WEST | Grasmere House
Tachostand: 1050

DSCF5453Tagesziel: Portal der Salisbury Cathedral

Wir frühstücken in einem typisch britisch gestalteten Wohnzimmer im Syn Guest House mit großem Kamin, Gemälden (auch von den Totengestalten) und allerlei Krimskrams. Wir fahren dann wieder relativ spät los – gegen halb 10 – und sind dann auch erst gegen Mittag in Hastings. Dort halten wir an einer Strandpromenade kurz an und stellen die Transalp einfach links am Straßenrand ab, um kurz Pause und einige Aufnahmen zu machen. Man kommt nicht so schnell vorwärts hier in Britannien, weil die Strecken kurvenreich sind und man dauernd durch Kreisel fahren muss, sogar auf Autobahnen gibt es alle paar Kilometer einen Kreisverkehr. Auch kommt es vor, dass Fahrzeuge die Autobahn kreuzen. Die Autobahnen sind hier nicht wie sonst gewohnt vom normalen Straßennetz separiert, sondern in dieses integriert. Es gibt somit auch keine Auffahrten, wie wir sie kennen.

Weiter geht es über Brighton, wo wir anhalten und etwas essen. Uns wird in der Motorradkleidung sofort heiß und wir ziehen schnell die Jacken aus, sobald wir einen Imbiss gefunden haben.

DSCF5394Foto: Straßenszene in Brighton

Wir fahren dann weiter über Portsmouth, dort bin ich 1980 im April von St. Malo in Frankreich aus mit einem Freund mit der Fähre angekommen. Wir sind damals mit dem Fahrrad gereist und wenn ich mich recht erinnere sind wir dann von dort aus nach Hastings geradelt und haben dort am Strand auf einer Bank übernachtet, nachdem wir in einem Pub abends so lange Tee getrunken haben, bis der Besitzer uns freundlich informiert hat, dass er jetzt schließen möchte.

Von Portsmouth erreichen wir über die M27 Southampton, wir durchqueren die Stadt und fahren vom Hafengebiet aus auf der Suche nach dem Weg nach Salisbury quer durch die Stadt in ein Wohngebiet, wo wir schließlich etwas desorientiert eine Tankstelle ansteuern, um nach dem Weg nach Salisbury zu schauen und auch zu fragen, wenn nötig. Dort finde ich auch endlich, was ich seit gestern suche: Kettenspray, den ich Zuhause vergessen habe. Bin mit meiner Kraft auch ziemlich am Ende, vor allem die endlosen Kreisel und die Sucherei nach dem Weg zum nächsten Etappenziel kann ganz schön anstrengend sein. Tipp: Kettenspray mitnehmen. Gibt es in UK nicht an jeder Tankstelle und wenn, dann nicht unbedingt das geeignete.
Als wir die Route dann gefunden haben, hält an einer Ampel ein Motorradfahrer mit einer Kawasaki neben uns, nimmt seinen Helm runter und fragt, wohin wir wollen. Finden wir ganz nett, wir tauschen kurz ein paar Daten aus, dann springt die Ampel auf Grün und die Ninja verschwindet rasch am Horizont.

In Salisbury angekommen, sehe ich im Vorbeifahren das Grasmere House und drehe um, weil ich fragen möchte, ob ein Zimmer frei ist.

DSCF5402Foto: Eingang des Grasmere House in Salisbury

Es stört mich nicht, dass der Preis knapp dreistellig ist – in Pfund natürlich. Die ersten Unterkünfte unserer Tour waren aufsteigend komfortabel und bewegten sich in normalem Rahmen, da darf es jetzt mal etwas mehr sein. Das Grasmere House ist ein feines Hotel und stadtbekannt als gute Adresse für Hochzeiten. Wir richten zuerst unsere Sachen und nehmen eine Dusche, bevor wir in die Stadt aufbrechen. Wir wollen uns auf jeden Fall die Kathedrale ansehen, deren Turm wir bereits gesichtet hatten bei der Ankunft. Im Zimmer gibt es sogar ein rustikales Bügelbrett, das man von der Wand wegklappen kann, wir nutzen es jedoch nicht.

Als wir die beeindruckende Kathedrale von Salisbury aus der Nähe bestaunen, wissen wir noch nicht, dass wir einen der bekanntesten Söhne der Stadt bereits vor vielen Jahren bewundert haben: der Schauspieler Joseph Fiennes stammt aus Salisbury und hat u.a. Luther in dem gleichnamigen Film von 2003 verkörpert. Wer sich der Kathedrale vom Grasmere House aus nähert, sieht die Ostseite dieses mächtigen Bauwerks zunächst durch die Nadelbäume, die dort entlang der Mauer wachsen. Man sieht so zunächst nur Teile des Ganzen. Eindeutige Schilder weisen darauf hin, dass nur Zulieferern und nur bei ausdrücklicher Meldung der Zugang erlaubt ist. Je näher man dem Haupteingang kommt, desto mehr zeigt sich die Größe und die Dimensionen dieser Kathedrale. Sie besitzt mit 123 Metern den höchsten Kirchturm in England.

DSCF5460Foto: Salisbury Cathedral; das Portal befindet sich rechts an der Seite

Doch nicht nur Bauwerke haben uns in dieser Stadt beeindruckt. Wir haben unter anderem ein bemerkenswertes Verkehrsschild entdeckt, das wir in dieser Form noch nirgends gesehen haben.

DSCF5421Foto: Schild fordert zur Rücksichtnahme gegenüber älteren Verkehrsteilnehmern auf

Wir denken über das Schild nach. Offensichtlich haben alte Menschen hier einen anderen Stellenwert, als wir das aus unserem eigenen Land und anderen Ländern kennen. In Nordafrika gibt es Schilder, die vor Kamelen warnen. Hier scheint das aber kein Warnschild zu sein. Sondern eine Aufforderung zur Rücksichtnahme. Wir haben die Briten bisher als freundlich und zuvorkommend erlebt. Wenn ein Volk sich den Alten gegenüber ebenso verhält und nicht nur Menschen gegenüber, die jung sind oder von denen man Vorteile hat, kann das nur positiv sein und das gefällt uns.

Wenn wir unterwegs sind, schauen wir uns gerne Häuser, Geschäfte und sonstige Bauwerke an, meistens Kirchen, das tun wir auch hier. In England gibt es aber auch viele schöne Gärten und einen der Gärtner entdecken wir bei unserem Rundgang durch Salisbury.

WP_20160718_20_28_45_ProFoto: Ein Gärtner in Salisbury, er lässt sich nicht ablenken durch Zaungäste, die ihn von einer Brücke aus beobachten (Foto: DB)

Auch die typischen englischen Reihenhäuser entdecken wir bei unserem Rundgang in Salisbury.

Wir fanden auch ein Harmony House und ein Toll House. Was ein Harmony House ist, konnte ich bisher nicht herausfinden. Ein Toll House gehörte einer Art Zöllner und stand meist neben dem Tor, dessen Durchgang mit einem Zoll oder einer Maut belegt war. Der Beamte, der das Geld kassierte, wohnte in dem Toll House.

DSCF5424Foto: Toll House in Salisbury

DSCF5420Foto: Das Harmony House in Salisbury

Unterwegs fotografiere ich auch gerne alle möglichen interessanten Schilder, die ich auch hier in Salisbury entdecke. Dabei interessiert es mich von Berufs wegen, ich schreibe Anleitungen, wie Menschen durch Schilder zu etwas angeleitet werden, wie Ihnen etwas verboten wird oder erlaubt und ob man das verstehen kann. Sehr häufig sind Schilder unverständlich oder verwirrend. Besonders oft fehlen sie einfach nur und man vermisst die entsprechende Information. Hier gäbe es für mich viel zu tun. Navigationshilfe ist ein Riesenthema, also Navigation durch Schilder.

DSCF5441Foto: Auch in UK wird eine Menge per Schild geregelt

Es wird langsam dunkel in Salisbury, was in Kombination mit der künstlichen Beleuchtung interessante Lichtstimmungen erzeugt.

DSCF5485Foto: Altes Portal in einer Straße mit vielen Geschäften in Salisbury

Nachdem es für weitere Besichtigungen zu dunkel wird und wir auch Hunger haben, suchen wir ein Restaurant. Wir entscheiden uns für ein Thai-Restaurant und bestellen wieder Dinge, die wir nicht 100% genau verstehen. Aber wir sind ganz zufrieden mit dem Ergebnis und genießen das Essen.

[19.7.2016] GRIMSBY | EAST MIDLANDS | St. Johns Hotel
Tachostand: 1450

DSCF5520Tagesziel: Die Transalp vor dem Grimsby Minster

Wir starten nach dem Frühstück um halb 10 und planen, über Swindon und Gloucester Richtung Birmingham zu fahren. Wir hoffen, dass wir über die Autobahnen schneller vorankommen und wollen dann letztlich über Manchester und dann über die M6 Schottland erreichen, natürlich nicht in einem Tag. Obwohl… wir wissen es nicht und man kann das letztlich nicht genau planen.

Es sollte anders kommen. Wir hatten ursprünglich vorgehabt, Stonehenge zu besuchen, aber weder gestern Abend, noch heute früh ist uns so wirklich danach, da wir uns denken, dass es zu viel Zeit kostet, zu viel Eintritt (etwa 20 Pfund pro Nase) und wir uns fragen, ob sich das wirklich lohnt. Wir haben uns solche alten Steine auch in Malta vor zwei Jahren nicht angesehen, sondern ausschließlich Kirchen, Kathedralen oder z.B. Regierungsgebäude in Valetta besucht. So fahren wir direkt weiter, verpassen in Swindon aber irgendwie die Straße nach Gloucester und finden uns plötzlich auf der Straße nach Oxford wieder. Wir nehmen es als Wegweisung von oben und erreichen schließlich Oxford, wo wir im Mc Donalds etwas essen. Auch hier fehlt uns die Zeit, die Stadt zu erkunden, obwohl hier sicher viel zu sehen wäre. So setzen wir unsere Fahrt rasch fort.

Gegen 14 Uhr erreichen wir dann Northampton und sind begeistert, am Ortseingang auf einem großen Schild die deutsche Partnerstadt zu lesen: Marburg! Nach weiteren etwa 40 Meilen sind wir in Stamford. Wir sind gut vorangekommen, im Gegensatz zu manchen anstrengenden Teiletappen und überlegen, dort zu übernachten. Wir schauen uns etwas in Stamford um und beschließen dann, doch weiterzufahren, weil die Stadt uns nicht besonders anspricht. Wir fahren durch einen Stadtteil mit schmalen Gassen und ich merke, dass ich falsch abgebogen bin. An einer ziemlich starken Steigung, als ich oben wegen kreuzendem Verkehr anhalten muss, passiert es: die Transalp kippt nach rechts und ich kann sie nicht mehr halten… Wir fallen um. Wir versuchen, sie aufzuheben. Schnell sind zwei Briten an unserer Seite und fragen, ob sie helfen können. Wir heben die Maschine gemeinsam auf und schieben sie den Berg hoch. Zum Glück ist uns außer leichten Prellungen nichts passiert.

Trotzdem wir nicht bleiben wollten, gab es schöne und interessante Dinge in Stamford zu sehen, z.B. eine besonders schön gestaltete Anlage bei einem öffentlichen Gebäude, wir vermuten, dass es sich um ein Altersheim handelt.

IMG_4222Foto: Gartenanlage bei Saint Martins in Stamford

Wir gehen an einem kleinen Tor vorbei, das als vermutlich ältestes in der früheren Stadtmauer bezeichnet wird, es führt zur St. Mary’s Passage.

DSCF5500Foto: Altes Tor in der ehemaligen Stadtmauer von Stamford

… oh, fast vergessen: den alten Rolls, den wir gesehen haben bei unserem kleinen Rundgang durch Stamford. Der darf in diesem Bericht über UK natürlich nicht fehlen.

DSCF5511Foto: Alter Rolls Royce durchfährt das George of Stamford

Bei der Weiterfahrt Richtung Boston merken wir bei einem Stopp in Tallington, als ich nach dem Weg schaue, dass das Windschild der Transalp nur noch an einer Schraube hängt und völlig locker ist. Wir vermuten zuerst eine Folge des Sturzes, aber ich erinnere mich, dass ich das mal demontiert hatte und merkte, dass die Gummidübel nicht mehr richtig sitzen. Als wir noch überlegen, was zu machen ist, hält ein Brite mit einer Honda und fragt, ob wir ein Problem haben. Ich erkläre die Lage und er bietet uns an, uns zu sich nach Hause mitzunehmen, wo wir das reparieren können. Er fährt uns voraus und zusammen gelingt es uns, das Schild wieder zu befestigen. Er heißt Jim und war bereits im „Black Forest“, im süddeutschen Schwarzwald mit dem Motorrad unterwegs.

IMG_4223Foto: Jim’s Honda und die Transalp in Deeping St. James vor Jim’s Garage

Schon drei Briten haben uns heute zur Seite gestanden. Wir sind beeindruckt und freuen uns über die Hilfsbereitschaft. Jim lotst uns noch zur Straße A16, die Richtung Boston führt. Das war eigentlich unser Ziel für diesen Tag. Weil wir aber gut vorankommen und wir möglichst weit kommen möchten, um vielleicht trotz der geänderten Route Schottland wenigstens zu streifen, gebe ich nochmal Gas und wir fahren weiter bis Grimsby.

In Grimsby merken wir gleich, dass dies eine andere, eine nicht so schöne Stadt ist. Wir landen auch im Hafengebiet und fragen zuerst in einem Hotel, das sich allerdings als Diskothek entpuppt. Wir stellen die Transalp davor ab und laufen in Richtung einer Fußgängerzone, weil dort angeblich ein Hotel sein soll. Unterwegs frage ich einen jungen Mann, den ich unter normalen Umständen eher nicht angesprochen hätte. Er stellt sich jedoch als freundlich heraus und gibt uns bereitwillig Auskunft. Wir finden das St. James Hotel, das gegenüber einer großen Kirche liegt, dazwischen befindet sich ein kleiner Park.

Als es bereits dunkel ist, verlasse ich noch einmal das Hotel, um etwas spazieren zu gehen. Die Luft ist mild und ich habe die kleine Dose mit dem Abwehrspray mitgenommen. Wir befinden uns in einer nicht gerade vertrauenerweckenden Hafenumgebung. Das erste Hotel, das zu einer Disco umgebaut wurde, ist nicht weit von hier und wir hören nicht nur aus dieser Richtung laute und teilweise etwas aggressive Musik. Es interessiert mich, etwas über die Kirche zu erfahren, vor dessen Portal ich die Transalp geparkt habe. So gehe ich um die Kirche herum. An keinem der Seiteneingänge finde ich Hinweisschilder oder dergleichen und glaube schon, die Kirche ist verlassen und wird nicht mehr genutzt. Vom Hotel aus betrachtet rechts an der Seite der Kirche befindet sich ein runder Platz, den ich erreiche, als ich eine Art Graffiti in der Mitte des Rondells entdecke. Es ist kreisförmig gestaltet und ich lese den Text: WE ALL FEAR DEATH. In der Mitte ist ein Totenschädel dargestellt. Schnell mache ich ein Foto mit dem iPhone und verlasse den Ort Richtung Hotel. Mein Smartphone verrät mir dann, dass die Kirche ein Münster ist, Grimsby Minster und auf der Webseite des Minsters erfahre ich später, dass dort mitnichten tote Hose herrscht. Das Minster, das zur Church of England gehört, wird ausgiebig genutzt und ist Ort für viele Veranstaltungen. Es gibt einige bedeutende Münster in England, von denen das in York einen besonderen Stellenwert hat. Man müsste ein paar Wochen Zeit für eine solche Reise haben, um all die interessanten Orte und Bauwerke zu erkunden. Mit der Church of England hatte seinerzeit der Methodistengründer John Wesley gewisse Probleme aufgrund seiner offensiven Predigten und seiner klaren Worte. In seinen Tagebüchern beschreibt er mehr als einmal, dass er bei Predigten in einer Church of England, in der er zum ersten Mal predigte, bereits vorher wusste, es würde auch das letzte Mal sein. John Wesley legte während seines langen Lebens zehntausende Kilometer im Pferdesattel zurück und predigte in der Regel zweimal pro Tag unter freiem Himmel in einer von Armut und Depression geprägten Epoche in England. Als von Haus aus Methodist schätze ich diesen Gründer der Methodist Church besonders.

Grimsby ist laut Wikipedia der größte britische Hafen und außerdem Europe’s Food Town: über 500 Firmen beschäftigen sich mit der Herstellung, Lagerung, Erforschung und dem Vertrieb von Lebensmitteln. Dieser Hochseefischerhafen war einmal der größte und geschäftigste Hafen der Welt.

In der Nacht ist hier noch lange nicht Ruhe. Immer wieder unterhalten sich junge Leute zum Teil ziemlich laut vor dem Hotel. Unter anderem scheint der kleine Park ein Treffpunkt in diesem Viertel zu sein. Man spürt förmlich, dass sich hier Menschen die Nächte um die Ohren schlagen, die soziale und persönliche Probleme haben. Solche Menschen werden ja häufig von sakralen Orten angezogen und das ist auch gut so. Tipp: Wer empfindlich ist sollte für die Nacht Oropax einpacken.

Bemerkenswert für diesen Tag ist die Tatsache, dass wir trotz Sturz und Reparatur die bisher größte Strecke geschafft haben, es wird sich herausstellen, dass wir dieses Ergebnis auch nicht mehr toppen werden: 400 km. In den folgenden Tagen werde ich etwas unsicherer fahren und liege abends noch einige Zeit wach und denke darüber nach, wie ich solche Situationen wie in Stamford an dem Berg in Zukunft vermeide oder was ich dann mache, wenn es sich nicht vermeiden lässt, am Berg anzuhalten mit einer derart schweren Maschine. Ich habe noch kein Rezept und hoffe, dass aus den Folgen des Sturzes keine Phobie wird.

IMG_4226Foto: Graffiti an einem Seitenteil des Grimsby Minster

(20.7.2016) Bevor wir morgens aufbrechen – die Transalp ist bereits fertig bepackt – beschließen wir, noch einen Blick in das Grimsby Minster zu werfen, denn das Portal steht offen. Wir schauen uns den prächtigen Innenausbau an, wobei mir ein Mann auffällt, der ruhig in einer Kirchenbank sitzt und ausnahmsweise keine Kamera und auch kein Smartphone bedient. Er scheint nur den Ort auf sich wirken zu lassen. Oder vielleicht sucht er auch die Nähe Gottes. Mir fällt der Graffitispruch wieder ein. WE ALL FEAR DEATH. Ob man das so sagen kann? Einerseits muss es so sein, das bestätigt uns auch Gottes Wort, Paulus schreibt dazu in Hebräer 2, Verse 14 und 15: „… durch seinen Tod den zunichte zu machen, der die Macht des Todes hat, das ist den Teufel, und um alle die zu befreien, die durch Todesfurcht das ganz Leben hindurch der Knechtschaft unterworfen waren.“

DSCF5528Foto: Grimsby Minster

Der Mann sitzt noch eine ganze Weile in der Kirchenbank, was in der heutigen nervösen und unruhigen Zeit selten zu sehen ist. Vielleicht hat er ein Problem, es kann sein, dass er in einer Lebenskrise den Beistand Gottes sucht. Gott sagt den Menschen in der Bibel, dass es sich lohnt, ihn zu suchen. Und zwar dann, wenn es Zeit ist und nicht erst dann, wenn uns das Wasser bis zum Hals steht. Wer die Krisen und schlimmen Entwicklungen dieser Welt aufmerksam verfolgt, wird merken, dass Gott nur ausnahmsweise und nur wenn es ganz dick kommt, überhaupt erwähnt wird. Was hat ER mit all dem Leid und dem Terror dieser Zeit zu tun? Warum schreitet er nicht ein? Warum lässt er das alles zu? Ein Grund scheint zu sein, dass die meisten Menschen ihn nicht suchen, ihn scheinbar nicht brauchen. Warum sollte er ihnen helfen, warum sie bewahren, wenn sie sich einen Kehricht um eine Beziehung zu ihm kümmern?

Wir verlassen das Münster, um aufzubrechen. Der Mann ist verschwunden. Wir erfahren nicht, was er dort gesucht hat, was ihn bewegt, was ihn umtreibt. Die Antwort auf die Aussage des Graffitis können wir in der Bibel finden, im 2. Timotheusbrief, Kapitel 1, Vers 10: „… jetzt aber offenbart worden ist durch die Erscheinung unseres Retters Christus Jesus, der den Tod zunichte gemacht, aber Leben und Unvergänglichkeit ans Licht gebracht hat durch das Evangelium.“ Tipp: Auch selbst über solche Fragen nachdenken und in der Bibel nachlesen.

[20.7.2016] WHITBY | YORKSHIRE | Pannett House
Tachostand: 1600

DSCF5542Tagesziel: Whitby, alte von Mönchen gegründete Hafenstadt und Heimat des berühmten Seefahrers James Cook

Als wir morgens nach dem Besuch des Grimsby Minsters die Stadt in Richtung Immingham verlassen, ahnen wir noch nicht, dass wir einen sehr aufregenden Tag vor uns haben. Es wird der ereignisreichste und schönste Tag der Reise werden, mit Höhen und Tiefen.

Die Tatsache, dass wir die richtige Straße nicht sofort finden, ist dabei nur der Anfang. Es kommt hier öfter vor, dass ein Hinweisschild fehlt oder die weiße Schrift auf der Straße, die oft zusätzlich zu den Schildern zur Orientierung verwendet wird, so verblasst oder von den endlos rollenden Reifen der Fahrzeuge abgewetzt ist, dass sie nicht mehr zu sehen ist. Meistens findet man aber den richtigen Weg, wenn man im nächsten Kreisel umkehrt und die gleiche Strecke zum vorigen Kreisel zurückfährt. Mehr als einmal haben wir dann gemerkt, dass wir einfach nur ein Schild im Kreisel übersehen hatten. Man kann sich generell in UK sehr gut orientieren, weil nicht nur die Orte, sondern auf jedem Schild auch die Nummer der Straße oder Autobahn angegeben wird.

Nachdem wir die Straße Nr. 180 bzw. die E22 nach Immingham gefunden haben, merke ich plötzlich, dass der Sprit knapp wird. Die Transalp zieht nicht mehr so richtig und nimmt manchmal das Gas nicht so recht an. Und dann fällt mir siedend heiß ein, dass ich heute Morgen das Tanken vergessen habe. Die Maschine läuft bereits auf Reserve und wir befinden uns auf einer Autobahn. Weil die britischen Autobahnen nur einen sehr schmalen Seitenstreifen haben und mir ein Ausfall wahrscheinlich scheint, steuere ich den nächsten Halteplatz für LKWs an, das sind kleine Haltebuchten mit Platz für zwei bis drei LKWs. Ich frage zwei der LKW-Fahrer nach Patrol, diese führen aber nur Diesel mit sich. Ein weiterer LKW-Fahrer hält an und ich frage auch ihn. Er fragt zurück, ob das Motorrad noch läuft und ich erkläre ihm, dass es zwar noch läuft, der Tank aber fast leer ist. Er drängt uns, es bis zur nächsten Tankstelle zu versuchen, die nur 1 Meile entfernt sei, wie er sagt. Mir ist das Risiko zu hoch, er bietet mir an, er könne mich mitnehmen, ich müsse dann allerdings zurück laufen. Möchte meine Sozia allerdings hier nicht alleine lassen. Er drängt uns, es mit dem Motorrad zu versuchen und wir beschließen nach einigem Zögern, es zu wagen. Wir starten und die Transalp läuft, auch berghoch. Ich lasse sie beim nächsten leichten Gefälle ohne Gang laufen und bald ist die Tankstelle in Sicht. Wir schaffen es! Tipp: einen ganz kleinen Reservekanister mitnehmen.

Fahren nun weiter in Richtung Humber Bridge, auf die wir schon sehr gespannt sind. Sie war nach ihrer Fertigstellung Anfangs der Achtziger Jahre 17 Jahre lang die längste Hängebrücke der Welt. Inzwischen ist sie auf Platz 7 der Liste gelandet, aber immer noch die längste Hängebrücke, die man zu Fuß überqueren kann. Sie ist über 2 km lang, es wurden 480.000 Tonnen Beton verbaut und die verwendeten Stahlseile sind so lang, dass man sie aneinandergereiht zweimal um die Erde wickeln könnte. Die Bauzeit betrug fast 10 Jahre und der Bau kostete fast 100 Millionen Pfund. Als ich 1980 in Südengland war, wurde noch an der Brücke gebaut. Weil die Brücke früher die einzige in UK war, die auch von Motorrädern Mautgebühren verlangte, protestierten die Biker ab 2004 dagegen. Doch erst im Jahr 2012 wurde die Maut für Motorräder abgeschafft. So fahren wir nun 2016 kostenlos mit der Transalp über die Humber Bridge. Weil es uns nicht möglich war, ein Foto zu machen und wir deswegen keine Umwege fahren wollten, verwenden wir hier ein Foto von Wikipedia. Ähnlich wie die Golden Gate Bridge in San Franzisko verkürzt diese Hängebrücke den Weg zwischen manchen Orten rechts und links des Humber um bis zu 80 Kilometer. Wer vorher am gegenüberliegenden Ufer einen Job hatte, musste einen gewaltigen Aufwand in Kauf nehmen, um seine Arbeitsstelle zu erreichen.

Humber_BridgeFoto: Die Humber Bridge verkürzt den Weg zwischen den 2 km auseinanderliegenden Ufern des Humber drastisch (Foto: Wikipedia)

Kingston Upon Hull lassen wir dann schnell hinter uns, weil wir so nah wie möglich an Newcastle heranfahren wollen, um morgen so wenig wie möglich Stress zu haben. Den haben wir nämlich in Bridlington gehabt. Nach einem Einkauf in einem Supermarkt trat dann doch die angestaute Anspannung des vergangenen Tages hervor.
Sie will nicht mehr weiterfahren mit mir. Zweifelt meine Fähigkeit an, die Maschine zu beherrschen. Sie will mit dem Zug weiterfahren. Nach einigem Hin und Her und zwei Zigarillos – die werden hier übrigens nicht einfach so frei ausgegeben, sondern nur auf Anforderung und Nennung der Sorte werden die Schiebetüren hinter dem Tabaktresen geöffnet – fahren wir weiter, halten jedoch kurz darauf am Strand wieder an. Sie will jetzt zwei Stunden hier Spazieren gehen. Alleine. Ich füge mich in die Situation, rauche noch einen Zigarillo. Will nicht mit dem schweren Tankrucksack herumlaufen, also kann ich mich nur auf Blickweite von der Maschine entfernen. Als ich überlege, wie ich das anstelle, steht sie plötzlich wieder neben mir. Will jetzt weiterfahren. Nun will ich nicht mehr. Zweifele schon selbst an meinen Fahrkünsten. Als wir uns dann nach weiterem Hin und Her doch noch einigen, weiterzufahren, beschließe ich, über Scarborough nach Whitby zu fahren, um dort zu bleiben. Irgendwie habe ich den Eindruck, das könnte eine interessante Stadt sein.

WP_20160721_11_06_41_ProFoto: Landschaft hinter Whitby (Foto: DB)

Inzwischen ist das Gelände richtig bergig geworden und wir sehen vermehrt Heide- und Moorlandschaften. Whitby liegt auch in einer solchen Gegend, bevor man die Stadt erreicht, geht es steil bergauf und wieder bergab. Manche Strecken sind wie eine Achterbahn. Die Transalp schafft das noch ganz wacker, immerhin haben wir 45 kg Gepäck dabei. Wie muss es dann erst in Schottland sein?!

Whitby fasziniert uns von Anfang an. Wir fahren direkt zum Hafenviertel und parken gegenüber der Tourist Information. Wir brauchen erstmal wieder einen Kaffee und ein paar Pommes (beides ist nicht die Stärke der Briten), um zu Kräften zu kommen, denn auch wenn die Etappe nicht so lang war, wie die gestrige, war sie die anstrengendste. Ich frage gleich nach einem Hotel, weil wir die Zeit hier möglichst nutzen möchten, um uns zunächst die Ruine anzusehen, die gegenüber auf einem Berg liegt und die man weithin sehen kann.

DSCF5545Foto: Hafenszene in Whitby

DSCF5546Foto: Allerlei Menschen unterwegs am Hafen

DSCF5547Foto: Auch die Möven sind unterwegs, oder ruhen ein wenig. Im Hintergrund St. Mary’s Church und die Ruine der Whitby Abbey

Wir lassen die Transalp im Hafengebiet stehen und gehen zu Fuß, um ein Hotel zu suchen. Wir gehen durch ein bergiges Viertel und überlegen schon, wie wir dort das Motorrad hinschaffen sollen, wenn wir eine Bleibe gefunden haben. Wir haben genug davon, die Erinnerung an den Umfaller in Stamford wirkt noch nach.
Das B & B-Hotel in der John Street ist belegt, wir erkunden die Crescent Avenue und staunen nicht schlecht, reiht sich dort doch ein Gästehaus ans andere. Wir stellen jedoch fest, dass sie alle belegt zu sein scheinen. Plötzlich spricht uns ein britisches Ehepaar an, das ebenfalls per Motorrad unterwegs ist und hier in einem Gästehaus wohnt. Sie empfehlen uns, im Nachbarhaus – Pannett House – zu fragen. Der Brite ist sogar so nett, das für uns zu übernehmen, da er sieht, dass wir erschöpft sind und fremd hier. Wir haben Erfolg, es ist ein Zimmer frei, was uns sehr freut und uns auch gefällt. Mr. Davis macht das sofort klar und hilft uns sogar beim Koffertragen, das Zimmer liegt im 2. Stock. Tipp: Solch ein Gästehaus ist ein echter Geheimtipp. Sehr persönlich und hilfsbereit sind die Gastgeber und man fühlt sich noch mehr wie Zuhause, als in einem Hotel.

Die Sprache ist ein eigenes Kapitel, die Zeit war zu kurz, um genügend Praxis zu bekommen. Die Aussprache sind wir nicht gewohnt und unser Englisch wurde nicht immer verstanden – wie umgekehrt wir auch nicht immer alles gleich verstehen konnten. Ein Beispiel: „he“ für „Er“ wird mancherorts wie „hey“ ausgesprochen, daran muss man sich erst einmal gewöhnen.

WP_20160721_10_26_03_ProFoto: Oberhalb der Crescent Avenue, in der Royal Crescent, ich sichere die Transalp über Nacht zusätzlich mit einem Bügelschloss am Vorderrad. Auch hier fast nur Gästehäuser.

Nach dem üblichen Ritual, verschwitzte Motorradsachen ausziehen, duschen, Sachen in Zimmer und Bad einräumen, brechen wir auf zu einer kleinen Tour zu Mary’s Church sowie der Ruine Whitby Abbey. Wir sehen auf dem Stadtplan, dass 199 Stufen zur St. Mary’s Church führen, die wir natürlich einzeln hochgehen wollen.

Auf dem Weg zur Kirche sind wir fasziniert von den Häusern und Nebengassen, die oft durch schmale Tordurchgänge führen. Tipp: Immer etwas Zeit nehmen für die Besichtigung der Häuser und Geschäfte. Man kann dabei viel erfahren über Land und Leute.

DSCF5573Foto: Seitengasse mit Tordurchgang in Whitby

Originell finden wir auch die Stromverteilung: die Kabel verzweigen sich von einem Strommasten aus in alle Richtungen, wobei die Drähte nicht gerade gezogen sind, sondern schräg von oben zu den verschiedenen Haushalten geführt werden und teilweise ziemlich durchhängen. Tipp: Nicht an herunterhängende Kabel packen!!

DSCF5580Foto: Stromverteilung nach alter Manier in Whitby

Wir erreichen die 199 Stufen zur St. Mary’s Church, die wir beim Hochgehen nicht mitzählen, weil wir ganz entzückt sind vom immer weiteren Ausblick auf die Hafeneinfahrt, die in das Licht der untergehenden Sonne getaucht ist. Warum die Treppe aus 199 Stufen besteht, wissen wir auch nach Internetrecherche nicht, vielleicht hat die Anzahl auch keine besondere Bedeutung, Fakt ist jedenfalls, dass die Sargträger einiges zu tun hatten, um die Särge dort hoch zum Friedhof direkt bei der Kirche zu schaffen und deswegen Zonen eingebaut wurden, in denen die Sargträger Verschnaufpausen einlegen konnten.

DSCF5595Foto: 199 Stufen zur St. Mary’s Church

DSCF5596Foto: Hafeneinfahrt in Whitby von der Treppe zu St. Mary’s Church aus betrachtet

Als wir St. Mary’s Church erreichen, gruselt uns schon ein wenig, da die Kirche sowie die Umgebung von riesigen alten Grabsteinen dominiert wird. Eine Szene wie aus Dracula, wir erfahren später, dass hier die Draculageschichte entstanden ist. Bram Stoker wurde durch diese Kulisse zu seinem Meisterwerk inspiriert, Dracula wurde 1897 veröffentlicht. Stoker schwärmte schon damals von dem grandiosen Rundblick über Hafen und Stadt auf dieser Anhöhe, den wir heute genießen. Wir setzen uns dort auf eine Bank mit Blick aufs Meer, um etwas zu essen. Wir lesen bei Wikipedia, dass Whitby (dänisch: weiße Stadt) die Ausbildungsstätte des berühmten Seefahrers James Cook war und dass hier auch seine Schiffe gebaut wurden.

DSCF5603Foto: St. Mary’s Church mit uralten Grabsteinen

Wir stellen fest, dass die Grabsteine sehr alt und verwittert sind und die Schrift kaum noch zu lesen ist. Wir haben auch in Salisbury gesehen, das es anscheinend hier öfter der Fall ist, dass Gräber direkt neben der Kirche angelegt werden und die Grabsteine dort so lange stehen gelassen werden, bis sie sich neigen und schließlich umfallen. Hier in Whitby wurden 2013 etliche Gräber nach tagelangem Regen weggespült und die Gebeine traten zutage. Das hohe Kreuz rechts im vorherigen Bild erinnert an einen gewissen Caedmon, einen Mönch, der die Schweine der ersten Äbtissin Hilda gehütet haben soll.

Wir wenden uns Whitney Abbey zu, der Ruine einer alten ehemals architektonisch sehr beeindruckenden und prächtigen Abtei, die hinter hohen Mauern hervorlugt und bemerkenswerte Fotomotive bildet, aus den verschiedenen Richtungen und Abständen zur Mauer bieten sich immer neue Möglichkeiten für unsere Objektive. Die Abtei wurde 657 von König Oswiu von Northumbrien gegründet und wurde bald zu einer renommierten Bildungsstätte. Die Abtei wurde 867 von den Dänen zerstört und im Lauf der Jahrhunderte nur teilweise wieder aufgebaut. Selbst als Ruine ist die Abtei noch sehr beeindruckend.

DSCF5618Foto: Für diese Aufnahme musste ich die Kamera über ein hohes, schmiedeeisernes Tor heben.

DSCF5623Foto: Ein Torbogen dient mir hier als Rahmen für den Turm der Abtei.

Wir verbringen eine gute Stunde dort oben und schießen ein Menge Fotos. Als es langsam dunkelt, beschließen wir, noch einen Pub aufzusuchen und ein echtes englisches Bier zu trinken. Auf dem Weg zum Guest House genießen wir dann noch den Anblick des Hafens bei abendlicher Beleuchtung.

DSCF5638Bild: Abendliche Stimmung im Hafenviertel von Whitby

[21.7.2016] NEWCASTLE | NORTH EAST | DFDS Seaways
Tachostand: 1740

DSCF5642Tagesziel: Warten auf den Check-In zur Fähre. Bildmitte: der Transalp-Kollege aus der Schweiz.

Wir verlassen Whitby nach einem sehr guten Frühstück, das Pannett House ist dafür speziell ausgezeichnet worden.
Mr. Davis ist so freundlich, uns zwei der schweren Motorradkoffer zu tragen, es sind ein paar Meter zu gehen bis zur Transalp.

Während meines Aufenthalts per Fahrrad im April 1980 waren meine Erfahrungen mit den Briten nicht so positiv. Damals haben wir ein Plakat gesehen, das auf das 3. Reich anspielte und die Erinnerung und die Aversionen gegen die Deutschen schienen damals noch sehr präsent. So ließ der Besitzer eines Campingplatzes, auf dem wir unser Zelt aufschlugen, uns auch überdeutlich spüren, dass er enttäuscht über uns war, dass wir als Deutsche nicht so helle waren, auf der Fähre Pfund einzutauschen, als wir mit DM bezahlen wollten. Als erzieherische Maßnahme akzeptierte er nur DM-Scheine von uns und kein Hartgeld. Als Konsequenz legten wir kräftig drauf. Wir haben damals auch keine Hilfe erfahren, als wir einen platten Fahrradreifen hatten. Wie anders war nun die Erfahrung mit den Briten während unserer Motorradtour. Das hat mich jetzt 36 Jahre später mit den Briten versöhnt. Und meine Frau ist begeistert von diesem Land. Was will man mehr?! Tipp: Nicht aufgrund negativer Erfahrungen mit einzelnen Personen ein ganzes Volk beurteilen. Aber das wissen wir ja in der Theorie. Nur die Praxis ist immer wieder schwierig…

Wir haben beim Check-In zur Fähre einige Motorradfahrer getroffen, auch welche aus Deutschland. Direkt hinter mir in der Fähre zurrte ein Biker aus der französischen Schweiz seine Transalp fest. Er hat morgen von Amsterdam aus noch eine ziemliche Strecke vor sich.

IMG_4255Foto: Im Bauch der Fähre Newcastle-Amsterdam

Wir richten uns in der Kabine ein, die ganz unten liegt, unter dem Wasserspiegel. Wir denken an die Titanic und hoffen, dass alles gut geht. Aufgrund einer Fehlbuchung konnten wir nur noch diese Kabine bekommen, gebucht war ursprünglich ein Zimmer mit Seeblick. Wir tragen es mit Fassung und freuen uns auf das Diner am Abend, das dann auch keine Wünsche offen lässt. Lediglich bei den Getränken schlägt DFDS Seeways ordentlich zu: für zwei Gläser zugegeben guten Wein bezahlen wir 25 Euro, aber was solls, wir haben Urlaub und viel geleistet, da gönnen wir uns das einfach. Wir erkunden dann an diesem Abend noch etwas die Fähre und legen dabei zu Fuß sicher einige km zurück.

DSCF5661Foto: Auf Deck 10 der Fähre Newcastle-Amsterdam

[22.7.2016] ST. AUGUSTIN | DEUTSCHLAND | Hotel Hangelar
Tachostand: 2080

Von Amsterdam aus durchqueren wir das Autobahnnetz der Niederlande und fahren über Köln nach Hangelar. Dort finden wir einen sehr guten Italiener an diesem letzten Abend unserer Tour, werden allerdings mehrmals von Stechmücken gestochen. Immer noch sind wir von Regen verschont geblieben, während der gesamten Tour haben wir keinen Tropfen abbekommen, während es anderswo Starkregen und sogar Stürme gab. Morgen gehen wir die letzte Etappe an. Wir sind geschafft und haben erstmal genug vom vielen Fahren. Aber ich kann mir vorstellen, eine solche Tour zu wiederholen. Vielleicht mit etwas besserer Vorbereitung und anderen Reifen. Wir werden sehen.

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© Kornelius R. Böcher 2016-08-01

O und die Flüchtlinge

Heute war die Busfahrt wieder mal anders als sonst. Ich saß neben O. Ich nenne ihn so, weil die Comicfigur O in den Zaubertrank gefallen ist. Und das muss mit meinem Sitznachbarn ohne jeden Zweifel auch passiert sein. Er beanspruchte nämlich etwa 65 Prozent des verfügbaren Platzes. Mit den übrigen 35 musste ich mich begnügen. Zähneknirschend. Weil von bequemer Reise nun keine Rede mehr sein konnte. Zusätzlich führte die tiefenentspannte Haltung von O zu einer weiteren Verbreiterung seines Körpers um 8 Prozent. So musste ein Teil meines Körpers gezwungenermaßen in den Mittelgang ragen und wurde an jeder Haltestelle geschubst und gestoßen. Und das nur, weil O sich als Kind nicht vom Zaubertrank zurückhalten konnte oder seine Eltern ihm zu nahrhaftes Essen gaben. Die beiden Frauen in mittlerem Alter vor uns haben solche Probleme nicht. Die teilen sich den Platz. Keine ragt in den Mittelgang. Die eine liest die regionale Tageszeitung, die andere hat einen Kuchen gebacken und unter dem Sitz deponiert. Die beiden wären im Notfall sofort zur Stelle. Würden bei Bedarf das ganze Land aus dem Dreck ziehen und wiederaufbauen. Während O und ich uns gegenseitig unterschwellig schubsen und jeden Quadratmillimeter Sitzfläche abjagen. Dabei gäbe es ganz andere Probleme zu lösen. 

Das Transatlantic Trade Investment Partnership voranbringen zum Beispiel. Oder uns um einen Safe Harbour kümmern. Oder Jeff Bezos davon abhalten, sich in die Flüchtlingsproblematik einzumischen. Stattdessen schubsen wir uns unterschwellig in Bussen herum und jammern über zu wenig Sitzfläche. 

Die zahlreichen Flüchtlinge im Bus bekommen davon nichts mit. Sie sind nach und nach an den verschiedenen Haltestellen ausgestiegen. O und ich sind jetzt allein. O weist mich darauf hin, dass er an der nächsten Haltestelle aussteigen muss. Ich nicke. Zu mehr Gespräch reicht die Zeit nicht mehr.  

© Kornelius R. Böcher 2015-12-02

 

Sie kriegen auch DICH!

  Gerade bin ich auf einem mittelalterlichen Markt unterwegs. Überall Gaukler, in Leder gekleidete Harfenisten, sündhaft teure selbstgemachte Schuhe und eine Atmosphäre, als sei damals alles besser gewesen, nur weil die Menschheit mehr Naturprodukte aß und alles selber machte. Dabei war diese Zeit dunkel und gefahrvoll. Die Leute sind an Kleinigkeiten gestorben und längst nicht so alt geworden wie wir. 

Doch ist es heute besser? Driften wir nicht gerade zurück ins Mittelalter? Längst überwunden geglaubte Dinge scheinen die Welt einzuholen. Religionskriege, Halsabschneidereien, ausufernde Angriffe aus dem Mikrokosmos. Um nur einiges zu nennen. 

Mit diesen Gedanken noch beschäftigt, hätte ich ihn fast nicht bemerkt. Er trägt einen schwarzen, sicher sehr teuren Mantel, eine dunkle Brille, eine unauffällige, graue Kappe und ist mit einer Kamera bewaffnet, mit der er versucht, ungefragt Fotos von mir zu machen. Den Wert des Mantels taxiere ich aufgrund der hochwertig gearbeiteten verdeckten Knopfleiste auf mindestens 500 Dollar. Seine Mine verrät nichts Gutes, sein Blick gibt mir zu verstehen, dass nichts und niemand ihn von seinem Plan wird abhalten können. Es ist für mich keine Frage, dass die Fotos mit schlafwandlerischer Sicherheit ihren Weg zu Facebook finden werden und damit bin ich überhaupt nicht einverstanden. Das kann ich im Moment überhaupt nicht gebrauchen. So versuche ich, ihm zu entkommen. 

Leider werde ich durch zwei unangenehme Faktoren bei meinem Fluchtversuch gebremst. Mein linker Fuß schmerzt. Je schneller ich laufe, desto mehr fällt auf, dass ich leicht hinke. Mein rechter Schuh quietscht bei jedem Schritt. Ich nehme eine Nebengasse. Vor mir sehe ich eine beleibte Dame, die ihren Dackel Gassi führt. Als ich quietschend näher komme, bleibt der Dackel stehen und dreht sich nach mir um. „Lass den Mann, der hat’s eilig“, sagt Frauchen zum Dackel und ich hoffe inständig, dass er mich vorbei lässt. Mit geschlossenen Augen schaffe ich es und wage kaum, mich umzudrehen. Wenn der Dackel mich nicht verfolgt, dann sicher der Agent. 

Die Möglichkeit, dass die Beleibte, der Dackel und der Agent mich gemeinsam verfolgen könnten, treibt mich zu größerer Eile an. Grauenvoll. Wie wenn der Dackel doch noch etwas von mir will? Wenn er mich einfach nur mal beißen will?! Das wird Frauchen ihm sicher nicht abschlagen, wie ich die Beziehung im Vorbeieilen eingeschätzt habe. Blankes Entsetzen packt mich. 

Gaukler, zweckentfremdete Katzendärme und die versehentlich auf mich gerichtete Armbrust im mittelalterlichen Menschengewusel sind vergessen. Auch der Agent interessiert mich nicht mehr. Ich will nur noch dem Dackel entkommen, samt der Beleibten. 

© Kornelius R. Böcher 2015-10-12

Die Mächte der Technik werden entfesselt

 
Schon lange hege ich einen Verdacht. Nicht nur Menschen und Tiere kommunizieren miteinander, sondern auch andere Individuen, z.B. Geräte. Selbst niedriger entwickelte Fahrzeuge wie z.B. Fahrräder. Den Toaster habe ich vor kurzem erst enttarnt. Er hatte sich mit meinem Tintenstrahldrucker verabredet und einen fast zeitgleichen Boykott ausgeheckt. Der Zusammenhang war mir nicht sofort klar, aber das Verhalten der beiden Geräte ähnelte sich so stark, dass ich Ihnen dann auf die Schliche kam. Beide hatten sich eine scheinbar unbedeutende Kränklichkeit ausgedacht, die jedoch jeweils eine Unbrauchbarkeit zur Folge hatte. Beim Toaster machte ich ernst und tauschte ihn rigoros gegen ein neueres Modell aus. Offensichtlich brachte das den Drucker sofort zur Räson und er arbeitet jetzt wieder korrekt. Erstmal. Sicher möchte er sich ein ähnliches Schicksal ersparen. 

Wer bringt den Geräten das bei, so derart und vor allem immer selbständiger zu agieren? Wie erfolgt letztlich die Verständigung? Der Toaster zumindest verfügt NICHT über WLAN? Wir wissen es nicht. Noch nicht. 

Natürlich ist VW der Zeit und dem Stand der Technik wieder mal weit voraus. Zu einer Zeit, da die meisten gerade erst begonnen haben, das Wort „Industrie 4.0“ zu buchstabieren, kommunizieren die VW-Komponenten bereits seit Jahren emsig mit der Außenwelt. So meldet die Prüfsonde an die Software: „Bin drinne!“ und die Software ändert die Konfigurationen, die den Schadstoffausstoß für den Zeitraum der Prüfung herunterfahren. Das eigentlich pikante an der Angelegenheit ist nicht die Informationsvermittlung der Komponenten an sich, sondern dass dies quasi von extern erfolgt, also eine Art temporäre feindliche Übernahme des Systems. Und das auch noch so versteckt und geheim, dass selbst Herr Winterkorn – natürlich – davon nichts mitbekommen hat. Klar, was kann er auch dafür, dass diese döselige Sonde sich erdreistet, SEINE heiligen Systeme zu infiltrieren?! Da können wir uns noch auf etwas einstellen. Wie, wenn das Schule macht? Das ist wohl wie meistens nur die Spitze des Eisbergs. Es würde mich wundern, wenn diese Techniken nicht auch woanders schon eingebaut und verbreitet sind. Wir können gespannt sein! Wird z.B. spannend, ob irgendwann ein Edward Snowden der Automobilwelt aus der Versenkung auftaucht und zu plaudern anfängt. 

Obwohl…. eigentlich muss man nach momentaner Sachlage davon ausgehen, dass die Systeme das selbständig tun, denn welcher Mensch könnte sich so etwas ausdenken? Da würde man ja völlig den Glauben an das gute im Menschen verlieren. Es sieht vielmerh so aus, als würden die Geräte langsam die Herrschaft über die Menschheit übernehmen. Das ist lange geplant und in vielen Science-Fiction-Szenarien beschrieben. Aber das nimmt ja niemand ernst. Schade. Es könnte bald zu spät sein. 

© Kornelius R. Böcher 2015-09-24